Gedanken zum Sonntag

 

“Wunderbarer Glaube statt Wunderglaube”

 

 

 

Na, haben Sie alle Geschenke unter dem Weihnachtsbaum gefunden? Und war auch das Geschenk dabei, das Sie sich gewünscht haben? Und war es auch wirklich genau so, wie Sie gehofft hatten? Oder gab es wieder nur die unbeliebten roten Socken und trüben Tassen? Vielleicht ging es Ihnen aber auch wie vielen anderen nach dem Weihnachtsfest: Sie sind irgendwie enttäuscht. Nein, das lag gar nicht an den Geschenken. Es liegt an Ihnen und Ihren Erwartungen. Ihre Erwartungen waren viel zu hoch. Zu hoch für die paar Feiertage und schönen Stunden. Viel zu hoch für diese Ausnahmesituation. Es ist doch jedes Jahr das gleiche: Erst kann man es kaum erwarten - und dann - kommt die Enttäuschung und Ernüchterung. Wie gesagt, es liegt nicht am großen Fest, sondern an den viel zu großen Erwartungen.

 

Im Johannesevangelium wird gleich im 2. Kapitel auch von einem großen Fest erzählt. Jesus ist mit seinen Jüngern zu einer Hochzeit in Kanaan eingeladen. Johannes erzählt von der Feier, dem Essen und Trinken. Er erzählt von Glück und Freude - aber auch von der Sorge, dass der Wein nicht reichen könnte. Das bis dahin schöne Fest scheint ein jähes Ende zu nehmen, weil der Wein zu Ende geht. Und was wäre eine Hochzeit ohne Wein? Doch zum Glück ist Jesus auch da. Ja, dieses Fest wird nicht ohne Gott gefeiert. Diese Feier ist nicht “gottlos”.

 

Und siehe da: Es geschieht ein Wunder! Das, was niemand erwarten konnte, wird plötzlich Wirklichkeit. Jesus verwandelt Wasser in Wein und rettet so die ganze Feier. Johannes stellt dieses Weinwunder gleich an den Anfang. Noch bevor Jesus Kranke heilen, Tote auferwecken oder übers Meer wandeln kann, verwandelt er Wasser in reinen Wein. Wollte er auch uns damit reinen Wein einschenken, dass erst gar keine Zweifel an der Göttlichkeit Jesu aufkommen können? Wollte Johannes gleich am Anfang klar machen, dass bei Jesus nichts unmöglich ist? Oder ist hier der Hinweis auf die Kraft des wahren Glaubens zu finden? Für mich ist dieses Weinwunder ein Beispiel für meine Erwartungen an den Glauben. Zugegeben, es ist nicht leicht, an Gott zu glauben. Da gibt es so viel, was ich mir wünsche und was ich von Gott erwarte. Friede auf Erden, Gerechtigkeit für alle und natürlich Gesundheit und ein langes Leben. Aber irgendwie scheint das nicht zu klappen. Im Weinwunder ist es dagegen genau umgekehrt. Dort hat der Hausherr einen billigen Wein am Ende der Feier erwartet. Doch statt dessen bekommt er den besten Wein aller Zeiten serviert. Einen Wein, der vorher noch pures Wasser gewesen war. Damit sind seine Erwartungen bei weitem übertroffen. Das hätte niemand erwartet. Also darf auch ich noch viel mehr erwarten. Noch viel mehr Geschenke. Eins steht in der neuen Jahreslosung und verspricht noch viel mehr: Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Hesekiel 36,26

 

Also, erwarten Sie nicht zu viel von dieser Welt - Aber erwarten Sie auch nicht zu wenig von Gott.

 

 

 

Ihr Andreas Müller, Pfarrer in Gernrode und Rieder

 

 

 

 

Aktuelles

Himmelfahrt in Rieder (Rückblick)

An Christi Himmelfahrt, am 5. Mai, trafen sich Christen aus dem Kirchenkreis Ballenstedt zum gemeinsamen Gottesdienst im Kirchgarten der Evangelischen Gemeinde in Rieder. Dank der vielen fleißigen Helferinnen und Helfer aus der Kirchengemeinde, dem Arbeitskreis und dem Gemeindekirchenrat Rieder, konnten wir ein schönes Fest mit Kaffee und Kuchen, Fettschnittchen und Getränken unter Gottes freiem Himmel feiern. Den Gottesdienst gestalteten Frau Pfarrerin Angela Heimann Trosien und Herr Pfarrer Steffen Gröhl, der sich zugkleich aus unserem Kirchenkreis verabschiedete. Dank des schönen Wetters waren alle Teilnehmer froh zu den Posaunenklängen des Posaunenchores mit in die Lieder der Kantoreien Gernrode, Ballenstedt und Harzgerode einstimmen zu können. Gestärkt an Leid und Seele konnten dann alle in den Himmelfahrtstag starten und sich auf ein Wiedersehen 2017 in Rieder freuen.


Das Heilige Osterspiel in der Stiftskirche Sankt Cyriakus zu Gernrode



Alle Jahre wieder ziehen am Ostersonntagmorgen 20 Frauen und Männer in ihren weißen Gewändern in die noch dunkle Stiftskirche ein. Unter der Leitung von Kreiskirchenmusikwart Eckart Rittweger erklingen lateinische Gesänge und verset-zen die Besucher in die Zeit der Entstehung des Heiligen Osterspiels. Bereits im 12. Jahrhundert wurde dieses Mysterienspiel, einer wiederentdeckten mittelalterlichen Handschrift zufolge, in Sankt Cyriakus aufgeführt. Viele bauliche Eigenheiten wei-sen auf diese besondere Art der liturgischen Nutzung hin. Das Heilige Grab steht dabei im Mittelpunkt des Geschehens. Die in Stein gehauenen Szenen der West-wand aus dem Johannesevangelium erwachen zum Leben. Drei Frauen kommen zum leeren Grab und hören die Botschaft der Engel. Maria Magdalena begegnet dem Auferstandenen und verkündet seinen Jüngern das Evangelium.

Mit geheimnisvollen Worten des Propheten Jesaja, den Lesungen aus dem Evangelium und einer Orgelimprovisation, die die Kirche zum Beben bringt, werden diese Szenen umrahmt. Dazu erklingen die Osterlieder der Verkündigung und Zeichenhandlungen rund um die Osterkerze verdeutlichen die Auferstehung Jesu Christi.
Denn neben der Anbetung des Auferstandenen Christus geht es im Osterspiel vor allem um ein Zeichen des Glaubens. Schon am Karfreitag wird die Osterkerze symbolisch zur Sterbestunde Jesu gelöscht und im Heiligen Grab deponiert (Depositio). Am Ostersonntag erleuchtet sie dann in den Händen von Pfarrer Andreas Müller die noch dunkle Kirche und gibt das Licht der Auferstehung an die Osterspieler weiter, bis schließlich die ganze Kirche und alle Besucher dieses Licht empfangen haben.
In diesem Licht des Ostermorgens zieht schließlich die ganze Gemeinde zur Andacht auf den Friedhof. Auch dort wo unsere Verstorbenen liegen, soll das Wort der Auferstehung verkündet und die Hoffnung weiter gegeben werden. In dieser Tradition folgen wir auch in diesem Jahr den mittelalterlichen Anweisungen und feiern am Ostersonntag (27. März 2016) um 6:00 Uhr das Heilige Osterspiel in der Stiftskirche zu Gernrode. Denn: „Der Herr ist auferstanden!“ - „Er ist wahrhaftig auferstanden!“

Mit Gottes Segen grüßt Sie ganz herzlich

Ihr Evangelisches Pfarramt Gernrode
Andreas Müller, Pfarrer

Fotos bei den Proben zum Osterspiel: Katja Orthen