Das Gernroder Osterspiel


Wenn am Ostersonntag, morgens früh um 6.00 Uhr, ein heller Lichtstrahl aus dem Heiligen Grab in die noch dunkle Stiftskirche zu Gernrode dringt und dieses Osterlicht die Finsternis vertreibt, dann wissen die vielen Besucher: Jetzt ist Ostern! 

Jesus Christus, der am Karfreitag vor fast 2000 Jahren in Jerusalem am Kreuz von Golgatha hingerichtet wurde, ist am dritten Tage auferstanden. ER - Der HERR lebt!

Diese frohe Botschaft von der Auferstehung Jesu ist die Grundlage unseres christlichen Glaubens. In den vier Evangelien der Bibel wird dieses Ostergeschehen mit ganz unterschiedlichen Bildern beschrieben und am Heiligen Grab in Gernrode bildlich dargestellt.

 

Der Evangelist Johannes entfaltet diese Auferstehung Jesu in ganz besonderer Weise. Seine Darstellung hat die Gläubigen vor 800 Jahren zur Inszenierung eines Osterspiels inspieriert, das bei uns in Gernrode nun schon seit 1989 jedes Jahr am Ostersonntag wieder aufgeführt wird. Im Mittelpunkt des frühmittelalterlichen Mysterien-Spieles steht das Heilige Grab an der Süd-Seite im Inneren der Stiftskirche zu Gernrode. 

 

Schon am Karfreitag wird zur Sterbestunde Jesu ( um 15.00 Uhr ) die große Altarkerze gelöscht und in das Heilige Grab gebracht. Damit wird die Grablegung Jesu ( Depositio ) symbolisiert und die Finsternis des Todes unterstrichen. Das Grab wird versiegelt und bleibt bis Ostern verschlossen. Jesus, Gottes Sohn, kam als ein Licht in diese Welt, doch die Welt hat es nicht begriffen. Sie hat ihm das Lebenslicht ausgeblasen, als er an das Kreuz genagelt wurde. 

 

Doch die Liebe Gottes war und ist stärker als der Tod. Gott hat seinen Sohn Jesus auferweckt und damit das ewige Licht des Glaubens entzündet. Dieses Licht erstahlt dann am Ostersonntag in einem neuen Glanz. Aus dem Heiligen Grab wird die hell scheinende Osterkerze herausgeholt und ihr Licht an die Menschen weitergegeben. Im Osterspiel tragen zehn Frauen und zehn Männer dieses Licht dann die Stufen zum Altar hoch ( Elevatio ) und entzünden die Altarkerzen, die von nun an in jedem Gottesdienst und in jeder Andacht brennen werden. So, wie es auf den Stuckabbildungen des Heiligen Grabes dargestellt ist und in einer alten Pergamenthandschrift aus dem Jahre 1502 beschrieben wurde, folgen nun drei Spielszenen ( Visitatio ). In der ersten Szene kommen drei Frauen zum Grabe Jesu und suchen seinen Leichnam vergebens. „Was sucht Ihr den Lebenden bei den Toten ?“ An dieser Frage wird die Bedeutung von Ostern sichtbar. Jesus ist nicht hier im Grab, er ist auferstanden. Das erkennen dann auch die beiden Jünger, die in der zweiten Szene zum Grabe laufen, um sich von dem Geschehen zu überzeugen. Wenn dann in der dritten Szene die Maria Magdalena dem Auferstandenen selbst begegnet und ihn greifbar vor sich sieht, ist auch der letzte Zweifel behoben. Jesus lebt - Der Herr ist wahrhaftig auferstanden! Diese frohe Botschaft bringt dann auch die ganze Gemeinde in Bewegung und alle Besucher, Gäste und Teilnehmer begehen mit ihrern brennenden Kerzen die Osterprozession zum Friedhof. Auch unseren Verstorbenen und den trauernden wird hier die Osterbotschaft verkündet. Anschließend laden wir zum Osterfrühstück in den Stiftssaal ein.

Wenn auch Sie das Gernroder Osterspiel miterleben wollen, dann sind Sie uns ganz herzlich willkommen. 

Ihr Pfarrer Andreas Müller